Ein Experte für Körper und Psyche: Yannis Karrer im Interview

Foto: Urs Ruchti

Was Yannis Karrer stemmt, ist höchst beeindruckend. Das gilt für sein Training im Fitnessstudio wie auch für sein Arbeitspensum an der Universität. Denn Yannis ist nicht nur erfolgreicher Natural Bodybuilder sondern auch diplomierter Arzt und schreibt gerade an seiner Dissertation im Bereich Sportpsychiatrie. Daneben arbeitet er als Online Coach. Mit AnyGains spricht der mehrfache Schweizer Meister im Natural Bodybuilding und WNBF Pro zunächst über seine Wettkampfvorbereitung.

Yannis, in welcher Phase befindest du dich aktuell?

Ich bin in der letzten Woche meines Aufbaus vor der Wettkampfvorbereitung.

Wie zufrieden bist du mit deiner Form?

Ich bin mit der aktuellen Form zufrieden. Ich konnte in den letzten Monaten, trotz Lockdown, in meinem Home Gym weiterhin gute Fortschritte erzielen.

Welche Wettkämpfe stehen an?

Dieses Jahr ist mein Natural Bodybuilding Pro Debut geplant. Dabei habe ich drei Wettkämpfe anvisiert: UKDFBA Pro Cup, SNBF Swiss Pro Cup und WNBF World Championships.

Wie schwer ist es, Natural Bodybuilding neben deinen Tätigkeiten als Coach und Arzt zu betreiben?

Da ich derzeit nicht als Arzt arbeite, geht es gut. Als ich jedoch als Assistenzarzt tätig war, haben die anderen Bereiche deutlich gelitten. Ich weiß noch nicht, wie ich das langfristig lösen werde.

Inwiefern hilft dir dein medizinisches Wissen beim Bodybuilding?

Es hilft mir in vielen Bereichen, auch wenn im Medizinstudium die Ernährung nur sehr spärlich und trainingswissenschaftliche Inhalte gar nicht behandelt wurden. Zum Beispiel helfen mir die Kenntnisse in Anatomie beim Training, die Kenntnisse in Physiologie und Biochemie bei der Ernährung/Supplementierung und generell die Kenntnisse über den wissenschaftlichen Prozess beim Interpretieren und Lesen wissenschaftlichen Publikationen.

Wie bist du überhaupt zum Trainieren und zum Bodybuilding gekommen, und was fasziniert dich daran?

Ich wollte damals für einen Eignungstest beim Schweizer Militär trainieren. Meine Pläne beim Militär habe ich jedoch kurz darauf wieder verworfen. Mein Körper veränderte sich innerhalb recht kurzer Zeit deutlich und auch mehr als bei meinen Trainingskollegen. Dabei fand ich Gefallen daran, meinen Körper so zu formen, wie ich es möchte. Der künstlerische Aspekt fasziniert mich bis heute.

Wieviel Kilogramm Muskelmasse hast du dir in welcher Zeit antrainiert?

Ganz grob gerechnet rund 25 Kilogramm in knapp elf Jahren. Dabei ein Großteil natürlich in den ersten paaren Jahren.

Viele Bodybuilder leben von den Zielen, die sie sich setzen. Was sind deine?

Mein Ziel ist grundsätzlich die möglichst maximale Ausschöpfung meines genetischen Potenzials auf naturalem Wege. Zudem möchte ich bis zu meinem Lebensende trainieren und den Sport möglichst lange auf möglichst hohem Niveau betreiben. Als fassbareres, mittelfristiges Ziel wäre ein Sieg bei den Natural Bodybuilding Profis überhaupt und der Gesamtsieg der WNBF Weltmeisterschaft bei den Profis zu nennen.

Hast du Vorbilder?

Babacar Niang ist mein Idol im Natural Bodybuilding. Nebst seinem Gesamtpaket bewundere ich auch seine stets fröhliche Art und Bodenständigkeit. Zudem ist Jay Cutler ein großes Vorbild von mir. Nebst seinem Mindset und Erfolgen als aktiver Athlet, ist er nun auch abseits vom Bodybuilding in so ziemlich jedem anderen Lebensbereich erfolgreich. Und er sieht im Gegensatz zu anderen Mr. Olympia Gewinnern auch nach Karriereende immer noch gut aus und macht vor allem (!) einen gesunden Eindruck.

Wie wirkt sich deiner Meinung nach Krafttraining auf Geist und Psyche aus?

Körperliche Bewegung hat, nebst vielen anderen positiven Effekten auf die Psyche, einen gewissen antidepressiven Effekt. Dieser kann bei psychischen Erkrankungen wie einer Depression die Psycho- und Pharmakotherapie zwar nicht ersetzen, aber die Behandlung unterstützen und eventuell auch in der Prävention von Nutzen sein. Abgesehen von der direkten Wirkung körperlicher Betätigung, wirkt sich die Veränderung des Körpers oder das Erreichen sportlicher Ziele möglicherweise positiv aufs Selbstbewusstsein und das Gefühl der Selbstwirksamkeit aus. Anekdotisch hat das Krafttraining bei einigen zudem eine Sinn-stiftende und Gefühls-regulierende Funktion.

Heißt das, dass Leistungssportler allgemein psychisch stabiler sind?

Auch Leistungssportler sind nicht gegen psychische Erkrankungen immun, und Sport auf Leistungsniveau kann selbst psychische Risiken bergen. Oftmals wird mentale Stärke, die bei erfolgreichen Athleten in der Regel sehr ausgeprägt ist, fälschlicherweise mit psychischer Gesundheit/Widerstandsfähigkeit gleichgesetzt. Jedoch sind dies verschiedene Attribute, welche keinesfalls miteinander vermischt werden dürfen. Auch bei ausgeprägter mentaler Stärke, kann ein Athlet dennoch an psychischen Erkrankungen leiden. Psychische Probleme im Leistungssport werden leider noch immer tabuisiert, obwohl viele psychische Erkrankungen bei Leistungssportlern gleich oft und teils sogar noch häufiger aufzutreten scheinen. Mir ist die Aufklärung in diesem Bereich wichtig, da auch meine Forschungsprojekte im Bereich Sportpsychiatrie angesiedelt sind.

Wie lassen sich die positiven Effekte medizinisch erklären?

Vermutlich beruhen die Effekte auf verschiedenen Mechanismen. Es lässt sich jedoch sagen, dass vermutlich zum einen direkte (zum Beispiel Erhöhung BDNF-Spiegel in gewissen Gehirnregionen), als auch indirekte Mechanismen (zum Beispiel via besserem körperlichen Gesundheitszustand und höherer Funktionalität) dafür verantwortlich zu sein scheinen.

Kann auch die Ernährung helfen?

Wenn man Fortschritte erzielen möchte, dann gehen Ernährung und Training Hand in Hand. Auch wenn körperliche Betätigung bereits per se positive Effekte aufweist, spielt die Ernährung bei der Verbesserung und Aufrechterhaltung der körperlichen Leistungsfähigkeit eine Schlüsselrolle.

Foto: Urs Ruchti

Inwiefern hilft dir persönlich Krafttraining mental?

Das Training hilft mir als Ausgleich zur stressigen und/oder kopflastigen Arbeit. Zudem gibt es mir in jeder Lebenslage eine gewisse Struktur und Sinn.

Welchen Rat würdest du jemandem geben, der Krafttraining zur Stärkung von Geist und Psyche beginnen will?

Trainiere zwar so, dass du Fortschritte erzielst und somit Erfolgserlebnisse erfährst, aber schau, dass es dir Spaß macht! Auch ein, auf den Fortschritt bezogen, maximal effektives Training nützt dir langfristig nichts, wenn du es nicht langfristig verfolgen kannst/möchtest. Und das Wichtigste: bewege dich! Auch wenn du was anderes als Krafttraining machst, und auch wenn es nur ein Mal pro Woche 20 Minuten sind, ist das immer noch besser als gar keine Bewegung!

Yannis, vielen Dank für das Gespräch!

Yannis Karrer Geburtsjahr: 1995

Größe: 1,80 m

Gewicht: Ende Offseason 99 – 100 kg, angestrebtes Competition Weight 90 – 92 kg

Erfolge im Natural Bodybuilding:

1. Platz SNBF Schweizermeisterschaft im Natural Bodybuilding Junioren II 2014

1. Platz SNBF Schweizermeisterschaft im Natural Bodybuilding Männer Schwergewicht 2017

Gesamtsieger SNBF Schweizermeisterschaft im Natural Bodybuilding Männer 2017

WNBF Men’s Bodybuilding Pro Card 2017

Instagram: Yannis Karrer (@ykarrer) • Instagram-Fotos und -Videos

Facebook: Yannis Karrer | Facebook

Yannis Karrers Masterarbeit: https://bmjopensem.bmj.com/content/6/1/e000801

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