Viktor Levkov: Never Give Up!

Neben Viktor Levkov kommt man sich ganz klein vor. Und das in zweifacher Hinsicht. Dass er Bodybuilding macht, sieht man auf den ersten Blick. Seine Kleidung kann das nicht verbergen. Was man nicht sofort sieht, ist, welche ergreifende Geschichte der 16-jährige Schüler aus Augsburg zu erzählen hat. Das wird klar, wenn man sich mit ihm unterhält. Da geht es dann um eine Erkrankung und um die Flucht vor einem Krieg. Bei Viktors Geschichte gehört alles irgendwie zusammen. Und so wird aus dem geplanten Sportinterview ein Gespräch über Widrigkeiten des Lebens, Motivation und Kampfgeist. Es ist ein Gespräch mit einem jungen Mann, der sich vom Schicksal nichts gefallen lässt.

Viktor, du bist Ukrainer. Woher kannst du so gut Deutsch?

Vier Generationen in meiner Familie haben Deutsch gesprochen. Das war unsere Familientradition. Deshalb habe ich in der Schule zehn Jahre erweiterten Deutschunterricht gehabt. Aber ehrlich gesagt, konnte ich mir vorher nicht vorstellen, dass ich Deutsch im wirklichen Leben verwenden würde. Als ich nach Deutschland kam, hatte ich Niveau B1. Dadurch konnte ich sofort in der Realschule mit deutschen Mitschülern lernen. Danach wurde mein Deutsch mit jedem Tag besser und besser.

Wann und warum bist du nach Deutschland gekommen?

Bis März 2022 lebte ich in der sonnigen Hafenstadt Odessa am Schwarzen Meer. Ich hatte eine glückliche Kindheit, gute Freunde und mein Lieblingsfitnessstudio. Aber wegen des Krieges hat sich das Leben von vielen Millionen Menschen in der Ukraine buchstäblich in einem Moment verändert. Da meine Mutter und ich gut Deutsch sprechen und wir hier Freunde haben, sind wir nach Deutschland gekommen.

Welche Hoffnung hast du für dein Land?

Die Ukraine erlebt jetzt die schwierigste Zeit ihrer Geschichte und leidet nicht nur unter dem Krieg, sondern auch unter einer humanitären, wirtschaftlichen und energetischen Katastrophe. Ich hoffe, dass sich die Politiker beider Kriegsländer diplomatisch einigen können, um die Bevölkerung und unsere Städte zu retten.

Möchtest du zurück in die Ukraine, wenn sich die Lage dort beruhigt hat?

Wenn sich die Lage in der Ukraine beruhigt hat, habe ich begründete Angst, dass der Wiederherstellungsprozess des Landes sehr viele Jahre dauert, und immer die Gefahr eines neuen Konflikts besteht. Mir schenkt das Leben in Deutschland viele neue Möglichkeiten und Perspektiven. Ich möchte hier Deutsch weiterlernen, eine Ausbildung in Physiotherapie machen und mich weiter im Sport entwickeln.

Hilft dir Fitness auch, das alles besser zu verkraften?

Als ich nach Deutschland aus der Ukraine kam, trainierte ich einen Monat nicht und verlor acht Kilos wegen Stress. Im Bodybuilding setze ich mir Ziele, und das hilft mir, mit dem Stress umzugehen.

In welchem Alter und warum hast du begonnen zu trainieren?

Zum Bodybuilding hat mich meine eigene Lebensgeschichte gebracht. Bis zum Alter von neun Jahren war ich vollständig gesund. Aber von da an habe ich begonnen, mein Sehvermögen zu verlieren. Lange Zeit konnten die Ärzte die Ursache für den Sehverlust nicht finden. Aber schließlich wurde die seltene Diagnose „Stargardt-Krankheit“ gestellt. Diese Krankheit ist die häufigste Form der Retinadegeneration im Jugendalter und führt zu fortschreitendem Verlust der zentralen Sehschärfe. Bis heute ist diese Krankheit unheilbar und es gibt keine Therapie. Ich bin eine Person mit begrenzten Möglichkeiten. Obwohl mein Sehvermögen nur fünf Prozent beträgt, ist mein Zustand derzeit stabil, und ich kann mit vergrößernden Hilfsmitteln lesen und lernen.

Außerdem habe ich als Kind neben meinen Mitschülern sehr klein und dünn ausgesehen. Ich träumte immer davon, einen schönen Körper zu haben. Deshalb habe ich verschiedene Sportarten ausprobiert: Schwimmen, Karate, Tai-Boxen und Aikido. Als ich 13 Jahre alt war, stellte ich in einem Sportcamp einen ukrainischen Liegestützrekord auf: 73 Mal in 30 Sekunden. Während der Corona-Zeit habe ich für mich Bodybuilding geöffnet. Mein Gewicht betrug nur 42 kg. Ich habe meine ersten Hanteln gekauft und das ganze Jahr zu Hause trainiert. Schon mit 14 habe ich begonnen, im Fitnessstudio zu trainieren.

Es ist bewundernswert, wie du mit deiner Augenerkrankung umgehst.

Für mich wurde diese Krankheit zu einer Herausforderung, um mich selbst zu verwirklichen und meinen neuen Weg zu einer besseren Sozialisation zu finden.

Wie oft in der Woche trainierst du? Hast du einen bestimmten Split?

Ich trainiere vier Mal pro Woche. Mein Split ist Brust/Bizeps, Rücken/Trizeps, Beine, Schultern.

Deine körperlichen Fortschritte sieht jeder. Spürst du auch mentale Verbesserungen?

Dank Bodybuilding fühle ich mich selbstbewusst und selbstverwirklicht. Ich setze mir Ziele und erreiche sie.

Hast du ein bestimmtes Mindset?

Ja, ich habe ein Mindset: Disziplin und Essensplan. In jedem Fall trainiere ich vier Mal pro Woche, ohne Pausen und immer auf meinen maximalen Möglichkeiten. Es gibt keine besonderen Geheimnisse. Um Erfolg zu haben, musst du deine Ziele und Träume verfolgen. Zunächst einmal ist Bodybuilding harte und höllische Arbeit. Es gibt keine einfachen Wege.

Es ist erstaunlich, wie weit du mit 16 schon denkst. Hast du Vorbilder?

Ich möchte nicht wie jeder andere sein, sondern mit mir selbst konkurrieren, jeden Tag besser werden und keine Idole haben. Ich habe einen Trainer, er heißt Jurij Spasokukozkij. Er ist mehrfacher Europa- und Weltmeister im Bodybuilding. Ich bin mit ihm immer in Online-Verbindung. Er hat sein eigenes Trainingssystem, gibt mir nützlichen Rat, unterstützt und motiviert mich.

Welche Ziele hast du im Bodybuilding?

Ich will 85 kg wiegen und einen Armumfang von ungefähr 45 сm haben. In der Zukunft möchte ich an internationalen Wettbewerben teilnehmen und Preise gewinnen.

Du willst eine Ausbildung in Physiotherapie machen. Ist das auch dein Berufswunsch?

Ja, ich will Sportphysiotherapeut werden, weil es ein idealer Beruf für Sehbehinderte ist. Dank Fitness verstehe ich, wie die verschiedene Organe und Muskeln funktionieren, und kenne mich mit Biomechanik und Anatomie aus. Ich möchte anderen Menschen helfen und sie von körperlichen Leiden befreien.

Welche sonstigen Hobbies oder Leidenschaften hast du?

Ich mache Videos für TikTok zu einem Sportthema und bringe den Leuten bei, wie man trainiert.

Hast du einen Lieblingsspruch?

Ich habe zwei Lieblingssprüche: “Never give up!” und “Übung macht den Meister“.

Was ist das Wichtigste, das du durch Fitness über dich gelernt hast?

Fitness hat mich gelehrt, mir bestimmte Ziele zu setzen und sie um jeden Preis zu erreichen, egal unter welchen Umständen.

Vielen Dank für das Gespräch, Viktor!

Viktor Levkov auf Instagram: https://www.instagram.com/viktor.lainer/

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